soziale Deprivation bei Whippets

Wer es nicht weiß, Diva hatte ich mir als Zuchthündin ausgewählt, weil sie eine kleine Hündin mit 45 cm Schulterhöhe war und von dem Züchter als „outgoing“ im Temperament beschrieben wurde und weil sie abstammungsmäßig absolut unverwandt zu allen in unseren Breiten benutzten Whippets war. Sie kam aus Singapur und ich war leider enttäuscht, was ich bezüglich Verhalten sehen musste. Diva war wie in einer Schockstarre, auch nach Tagen glaubte ich ein Wildtier in der Wohnung zu haben. Ich lege mich flach auf den Boden und sie kreiste in großem Bogen um mich herum, nahm in keinster Weise Kontakt auf, kein Schnüffeln, kein Annähern, nix.

Diva Portrait 040906meine geliebte Diva, die mir so viel Kraft, Geduld und Ausdauer abverlangte, bis sie Vertrauen hatte

Alles was sie kannte, war „abholen, an die Leine nehmen“. Sie ließ sich anfassen, aber kam niemals, suchte nie Kontakt, sondern verkroch sich, fraß nur allein in der Nacht und war ein Whippet, dem ich eine soziale Deprivation bescheinigen würde. Nur mit sehr viel Mühe, Geduld, Hundeverstand und Mut gelang es mir, dass Diva nach ca 1 1/2 Jahren überhaupt einmal verklemmt mit dem Schwanz wedelte und soviel Vertrauen aufbauen konnte. Sie litt zweifelsohne an einer schwerwiegenden Entwicklungsstörung, die Dr. Dorit Feddersen-Petersen beschreibt:

Soziale Deprivation (Sozialer Erfahrungsentzug) führt zum Deprivationssyndrom, einem Symptomenkomplex mit phasenspezifischer Genese. Es handelt sich um eine schwerwiegende Entwicklungsstörung, die sich auf alle Verhaltensbereiche auswirken kann, einen Komplex von Verhaltensstörungen, die durch Vorenthaltung oder Entzug sozialer Erfahrungen bedingt ist und die Kommunikation mit der Umwelt zeitlebens m.o.w. ausgeprägt bzw irreversibel (unumkehrbar) einschränkt.

So können Bewegungsstereotypien auftreten oder zwanghafte Stereoptypen sozialen Verhaltens (ein Hund kontrolliert permanent seinen Sozialpartner und sein Verhalten ist auf dessen Verhalten fixiert).
Diese Symptome kennzeichnen das Deprivationssyndrom, welches zu dem durch ständige Unruhe oder Apathie, plötzliche aggressive Reaktionen und vielschichtige zwanghafte Gewohnheiten charakterisiert ist. Erkundungs- und Spielverhalten sozial deprivierter Hunde sind gestört, ihre Lernleistungen verringert.
Hinzu kommen die herabgesetzte Fähigkeit oder Unfähigkeit zu sozialen Kontakten wie die Unfähigkeit zur sozialen Eingliederung.

Diva, ein erlebtes Chaos

Wie konnte ich Zugang zu diesem Hündchen bekommen? Sie musste irgendwie frei laufen, dachte ich, dass sie überhaupt spürt, dass sie lebt. Also ließ ich sie einfach im Park frei…und sie lebte tatsächlich auf, raste wie wild umher in Sprints und großen Runden, war interessiert an anderen Hunden aber übersah Menschen.

Und wie kriege ich sie jetzt?  Jede Annäherung an sie, quittierte sie mit Ausweichen, allein sie anzusehen und zu locken, erwiderte sie mit Weglaufen. Oft stand sie Stunden lang in Entfernung und rührte sich nicht. Aber sie kam natürlich auch nicht. Ging ich weiter, folgte sie.

Diva nach Ankunft
Diva kurz nach ihrer Ankunft im Müngersdorfer Park, volles Risiko im Freilauf

Nur das Freilaufen lassen war nach meinem Empfinden das einzige, was sie aus ihrer Apathie herausreißen konnte, aber es bedeutete auch das volle Risiko einzuplanen, dass ich sie nie wieder sehe. Also setzte ich mich und wartete. Ruhig bleiben, war die einzige Lösung. Bleiben Sie mal in dieser Situation ruhig, wenn Sie wissen, dass sich dieser vielleicht Whippet niemals anleinen lässt.   Darüber war ich mir im Klaren. Schweißperlen waren das einzige, was ich mir erlaubte. Ich hatte kleine Futterkrümel dabei. Also saß ich! Diva vergnügte sich und ich sprach ihr gut zu. „Diva komm“ und streckte eine Hand mit Futter weit nach hinten …da lag sie. Endlich, endlich irgendwann kam Diva und fraß, aber der Abstand war zu weit, um sie anzuleinen. Denn jede Bewegung in ihre Richtung veranlasste sie, wieder einen Rückzieher zu machen. Also das Spielchen von vorn. Fangen eines Wildhundes?

Ich musste die genaue Sekunde abpassen und richtig ohne hinzusehen das Halsband zu greifen bekommen. Das klappte dann endlich und ich leinte sie an. Dann war alles ok für Diva. In dem Moment war sie ein normaler Whippet und mir fiel ein Stein vom Herzen. Diese Anleintechnik musste ich monatelang so betreiben.

Diva wurde deshalb geplant früh Mutter, weil das ihr Vertrauen stärken sollte. Sie war eine sehr gute fürsorgliche Mutter und in dieser Hinsicht war ihr Verhalten vollkommen normal. Auch ihr Spielverhalten mit fremden Hunden war gut und sie war interessiert.

permanente Kontrolle des Sozialpartners

Dennoch war der Schaden irreversibel. Ihre Tochter Krita kontrollierte sie permanent. Im Freien konnte Krita keinen fröhlichen Sprung tun, ohne dass ihr Diva im Nacken saß. Bis Diva eine echte soziale Bindung zu mir aufnehmen konnte, dauerte es gute 5 Jahre!! Dann erst war sie fröhlich und ich ihr Mensch.

dominanzzwanghafte Kontrolle über Krita, Diva züngelt und steht in T-Stellung über Krita

Ansonsten konnten wir sehr gut miteinander, die süße Diva. Jeden Morgen begrüßte sie mich in ihren letzten Lebensjahren mit einem Quietschepüppchen-Konzert. Damit konnte sie wie zwanghaft quietschen ohne Ende.

Als Diva im Januar 2012 ganz plötzlich an einem ruptierten Hämangiosarkom des rechten Herzrohres verstarb, war es ein großer Schock für mich, aber Krita konnte aufleben.

divaundkritaIm Herbst 2011 Diva mit Tochter Krita

Züchter genau ansehen

Ich konnte mir den Züchter nicht ansehen. Aber ich rate jedem, der sich einen Whippet anschaffen möchte: Schauen Sie einzig und allein darauf, wie, wie oft und wie intensiv der Züchter mit seinen Welpen umgeht. Wie hoch sein Standard in Bezug auf Welpensozialisation gesetzt ist.

img_7156

Einen sozial gesunden und fitten Welpen bekommen Sie heute auch nicht mehr bei jedem Züchter. Und es gibt sogar Mitbewerber, die das Thema Sozialisation belächeln. Und wie Sie hier lesen haben Whippets, die nicht wirklich verantwortungsvoll aufgezogen werden einen Schaden, der kaum wieder gut zu machen ist.

Niemandem wünsche ich die Erfahrungen, die ich mit Diva machen musste. Also deshalb der Rat. Überzeugen Sie sich immer persönlich von der Haltung und Aufzucht der Welpen, bevor Sie sich einen Whippet aus einer noch so bekannten bzw. erfolgreichen Zuchtstätte zulegen.

4 Antworten auf “soziale Deprivation bei Whippets”

  1. Hallo,
    mit Schrecken habe ich gelesen, dass Sie eine Hündin „blind“ aus Singapur (!!!🤮🍀) erworben und sicher per Flugzeug zu sich hatten kommen lassen. „Früh“, wie Sie schreiben, ist sie dann Mutter geworden….
    Alles, was Sie Whippetkäufern ans Herz legen – völlig zu Recht- haben Sie offenbar als Züchterin (!) nicht beachtet.
    Ja klar, ich habe auch Whippets (HOE), für mich die besten der Welt, so dass man zum Sammler werden könnte. Keine Sorge, das passiert hier nicht! Was ich aber sagen will, die Anzahl der Pokale/ Auszeichnungen sagen nicht zwingend etwas über die Qualität von erfolgreicher Verpaarung und Aufzucht aus, ebenso wenig wie ein gut klingender und bekannter Name des Kennels.
    In all den Jahren meines langen Lebens mit Hunden habe ich gelernt, dass gute Erfahrungen von anderen Hundebesitzern mit ihren Rassehunden sehr wichtig für die eigene Entscheidung sind!
    Auf solche „Recherchen“ vor einem geplanten Kauf sollte man nicht verzichten.
    Ich freue mich, immer wieder vonIhren Erfahrungen zu lesen und wünschte, „neue“ Whippetleute würden das alles lesen.
    Viele Grüße Helga Leydag

    Gefällt mir

    1. Nicht ganz blind…eine mir bekannte Züchterin war vor Ort, mit den Züchtern habe ich unendlich viel ausgetauscht und aus ihrer Sicht war die Hündin völlig ok. Flugwhippets 😉sind ja nun keine Seltenheit und ich habe viele gesehen, die aus Übersee kamen bzw. hin und her geschickt wurden. Alle hatten keine Probleme und waren aufgeschlossen und guter Dinge. Das zur Ergänzung.

      Gefällt mir

feedback

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s