Experiment: Freie Welpenaufzucht

Ich habe vor ca. 10 Jahren mit der Welpenaufzucht experimentiert. Ziel war es zu beobachten, wie sich Welpen verhalten, wenn sie relativ frei und natürlich aufgezogen werden.

Resumée der „freien Welpenaufzucht“

Nun kann ich nach dem zweiten Wurf (N2-Wurf mit 2 Welpen) und dem jetzigen O2-Wurf mit 7 Welpen ein erstes Resumée ziehen. Unter “Freier Aufzucht” verstehe ich eine beinah komplette Gitter-, Käfig- oder Zwingerfreie Unterbringung der Welpen, d.h. sie können sich frei in Haus und Garten bewegen, wie die erwachsenen Whippets auch.

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Vorausgeschickt:

Eine solch “Freie Aufzucht” bringt unvergleichbare Vorteile für die Welpen, ist aber seitens des Züchters eine kaum erbringbare Leistung. Ich habe dieses Experiment gern gemacht, weil es mich selbst sehr interessiert, was dabei rauskommt und weil ich zum Glück unabhängig bin und dafür alle Zeit habe. Für mich persönlich überwiegen die einmaligen Vorteile in der Welpensozialisation, die ich an meine Besitzer weitergebe.

Grundsätzliches:

Es bedarf einer fast Rund-um-die-Uhr Betreuung und Aufmerksamkeit, dazu muss der Züchter viel Zeit und Energie aufwenden, was bei einem normalen Arbeitsleben oder Tagesablauf mit anderen Verpflichtungen überhaupt nicht durchführbar ist.

Es bedarf eines freien Zugangs vom Haus zum sicher umzäunten Garten.

efeuWelpen bei der Gartenarbeit

Es bedarf weiterhin einer stabilen Gesundheit des Züchters, extrem starker Nerven ;-) und permanentem Bereitschaftsdienst.

Es bedarf einer absolut freien Zeiteinteilung, da sich die Tagesgeschäfte dann den Schlafbedürfnissen der Welpen anpassen müssen.

omnia512 die junge Omnia liegt lässig am Eingang

Alles ist easy und gut, wenn die Welpen den Menschen sehen können.

Vorteile:

1.Schnelle Stubenreinheit

Die Welpen lernen bereits mit den ersten Schritten die  Benutzung des Welpenklos.

onyxmumkloDas puppyklo in nächster Nähe des Körbchens…zum Schlafen nicht gedacht, aber ich hatte das alles einmal dokumentiert in Breeder Special, wie früh die Welpen es tatsächlich als Pipiort benutzen – hier Mutter Diva mit Onyx.

Bei einer dauerhaften Anleitung (d.h. wach werden und ins Klo wackeln bzw. setzen) auch in den folgenden Wochen, werden sie schneller stubenrein. Bereits ab dem Alter von 5 Wochen, sind sie selbst bestrebt in den Garten zu gehen, um die “Geschäfte” abzuwickeln. Das heißt nicht, dass sie 100% stubenrein sind, aber wenn sie sich später in der Wohnung lösen, hatten sie entweder keinen freien Zugang zum Ausgang oder aber der Betreuer hat die Anzeichen übersehen. Ein Welpe muss immer, wenn er wach wird.

2. Aufwachsen im Rudel- und Familienverband

Das freie Aufwachsen im Rudel (d.h. mit den erwachsenen Hunden) ist m.E. für die Entwicklung der Welpen ein unermesslicher Vorteil in Bezug auf die innerartliche Sozialisation.

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Sowohl die Hundemutter als auch die übrigen “Tanten” nehmen sich der Betreuung und Fürsorge der Welpen an. Die Hundemutter ist dadurch entlastet und die natürliche Entwicklung erfolgt weitgehendst ohne menschliches Dazwischenfunken. Die Welpen lernen sehr früh innerartliches angepasstes Verhalten. Sie sind in ihrem Wesen stabiler und lernen schneller die Beißhemmung. Sie reagieren nicht mit Flucht, wenn die erwachsenen Hunde “Alarm” schlagen. Sie schauen sich das Verhalten der erwachsenen Hunde ab, verhalten sich wesentlich entspannter, spielen, wenn das Rudel aktiv ist und ruhen, wenn die übrigen Hunde schlafen.

Die Welpen haben von Anfang an den direkten Kontakt zum Menschen und sehen fortwährend den Züchter. Sie suchen “automatisch” die Nähe und schlafen in der Regel dort, wo sich der Mensch aufhält.

3. Aufwachsen im Haus

Die Welpen lernen von Anfang an alle Geräusche kennen, die im Haushalt auftreten, bewegen sich auf unterschiedlichen Bodenbelägen und finden hoffentlich unendlich verschiedenartiges Spielzeug, um das “zahntechnisch” auszutesten. Sie zeigen innerhalb kürzester Zeit keinerlei Furcht vor Unbekanntem, kommen schneller mit neuen Situationen klar. Weder Staubsauger noch Musik oder herunterfallende Töpfe bringe sie aus der Ruhe, keine lauten Stimmen oder hektische Besucher. Sie legen sich “freiwillig” zum Schlafen in die Körbchen, haben einen gesunden Appetit, sind fröhlich und aufgeschlossen, aber wesentlich “gesetzter” und ruhen in sich. Dadurch werden sie auch in bestimmten Situationen “aufmerksamer”, lernen schnell, was man von ihnen erwartet, folgen ganz hervorragend auf Zuruf, auch wenn sie am Gartentor von Passanten abgelenkt sind (mit 10 Wochen).

60innenkennel

Sind Welpen in einem Welpenkennel separiert, sind sie deutlich hyperaktiver, wenn der Betreuer sie besucht oder Besucher kommen. Sie sind außer sich vor Freude, laufen einem unter die Füße, zerren an den Hosenbeinen und sind dermaßen verrückt beim Anblick ihres Menschen, dass sie dabei keine “Zeit” haben und sich nicht konzentrieren können, weil sie fürchten ihnen könnte etwas entgehen. Sie suchen die Nähe zum Betreuer und “klammern” oder sind außer sich vor Freude.

Sind sie jederzeit mit dem Betreuer zusammen, reduziert sich das “Angezogensein” auf ein normales Maß. Die Welpen freuen sich, wenn sie begrüßt werden, kommen fröhlich aber nicht hektisch auf einen zugelaufen, können auch ruhig auf dem Schoß sitzen.

Ganz auffällig ist die Lerngeschwindigkeit, die sich deutlich von Welpen unterscheidet, die normal im Zwinger aufwachsen und nur mehrmals am Tag “Besuch” haben. Schon bei 6 Wochen alten Welpen zeigt sich die geistige Aktivität sehr viel deutlicher. Sie haben die Körpersprache des Betreuers bereits bestens erlernt, reagieren wie die erwachsenen Hunde auf deutliche Zeichen, Stimmungen und Mimik. Lassen sich deutlich besser lenken und beeinflussen, auch lernen sie sehr viel schneller, was der Betreuer als erwünschtes oder unerwünschtes Verhalten ansieht. Nach einem zweimaligen “Nein” lassen sie die Pflanze in Ruhe, steigen nicht mit den Füßchen auf den Couchtisch oder lassen Kabel unberührt.

Während der Entwicklung zeigen sich deutliche Präferenzen und Fähigkeiten der einzelnen Welpen. Jeder kann durch eine dauernde Beobachtung in bestimmten Situationen besser in seinem jeweiligen Entwicklungstadium und Verhaltensrepertoire eingeschätzt und demnach auch gefördert werden, was wichtig für die Zuordnung zu den späteren Familien ist.

4. Alleinsein

Die Welpen werden auch mal allein gelassen bzw. beschäftigen sich selbst an einem anderen Ort, ruhen mal hier mal da und sind nicht permanent zu meinen Füßen. Sie können frei entscheiden, ob sie sich unter meinen Schreibtisch legen, neben mich setzen oder das Körbchen im Schlafzimmer belagern. Alle Kabel habe ich abgesichert und mögliche Gefahrenquellen beseitigt.

Wenn ich das Haus verlassen muss, dann haben die Welpen schnell gelernt, dass ich auch wiederkomme. Sie verhalten sich ruhig, spielen miteinander oder mit der Vielzahl von Spielsachen für 2 bis 3 Stunden. Der Schaden, den sie angerichtet haben in meiner Abwesenheit hält sich stark in Grenzen. Bis auf ein angenagtes Eckchen von einem Holztisch und ein paar zerfledderten Zeitschriften ist bis zum Ende der 10.Lebenswoche nichts weiter zu vermelden.

Sie schlafen auch des Nachts am liebsten im Schlafzimmer. Da ich das nicht zulassen kann, weil sie sich nicht zu eng an mich binden sollen, habe ich den Welpeninnenzwinger nun im Wohnzimmer platziert. Dort werden sie nur des nachts eingesperrt bzw. gehen  von allein, wenn sie müde sind dorthin und schlafen. Dafür werde ich dann nachts ein paar Mal geweckt, wenn sie sich lösen müssen. Das heißt dann auch bisweilen dreimal in der Nacht aufstehen und die Welpen in den Garten lassen.

5. Rangeinweisung

Es gibt die Spielzeiten, in denen wir auch mit den Welpen Hallodri treiben und die “Arbeitszeiten”, in denen sie sich “untersuchenlassen” müssen, auf den Tisch gestellt werden oder an der Leine gehen. Und es gibt auch die Zeiten, wo sie gegen ihren Willen zur Ordnung gerufen werden müssen, wenn sie z.B. abends ihre “verrückten 5 Minuten” haben und wie die Irren durch die Wohnung flitzen. Ich lasse sie gewähren, biete aber Einhalt, wenn sie gar nicht “runterkommen”. Auch das haben sie sehr schnell begriffen, denn schon die übrigen Hunde zeigen den Welpen deutlich, wann es langt. Ich weite als Betreuer also nur das aus, was schon die erwachsenen Hunde den Welpen beigebracht haben. Wenn sie “gefährlichen” Unsinn machen und keine Ruhe geben wollen, werden sie verbal ermahnt, wenn das nichts hilft, hoch gehoben und in der Hand gehalten, so dass sie frei “in der Luft” hängen. Das reicht und sie sind danach “geläutert”, denn die angeborene Angst vor Tiefe bringt sie schnell wieder zur Vernunft. Ansonsten sind die täglichen 5-Minuten-Ausraster zu tolerieren, damit sich die Spannungen abbauen und in dieser Zeit dürfen die Welpen auch “wilde Sau” spielen.

Die Rangeinweisung ist strikt unter Hunden in bestimmten Lebenswochen und wir Menschen müssen nur diese Konsequenz übernehmen. Schluß ist Schluß! Mehr ist das nicht. Dazu bedarf es weder Kraftanstrengung noch Übersinnlichem. Hundepsychologie unterscheidet sich von unserem Denken und ist gar nicht kompliziert. Man sollte in jedem Fall vermeiden, seine Hände einzusetzen und Welpen “verkloppen” oder damit strafen. Die Phase ist sensibel und ein Zuviel richtet mehr Schaden als Nutzen an. Menschenhände müssen immer positiv assoziiert werden.

Wichtig ist, dass alles in einem ausgewogenen Verhältnis bleibt und die Welpen Ruhe haben und zur Ruhe kommen können.

6. Fremdeln

In der 8.Lebenswoche beginnt in der Verhaltensentwicklung das “Angezogensein” vom menschlichen Sozialpartner in das “Abgestoßensein” zu wechseln, auch noch ein Wolfserbe. Diese äußerst sensible Phase ist sorgfältig zu beachten. Sie verkürzt sich deutlich und tritt auch nicht bei allen Welpen auffällig zu tage, wenn aber doch, wirkt die freie Aufzucht hier nach meiner Erfahrung ebenfalls sehr positiv. Will der Welpe nicht auf Zuruf kommen, muss man ihn nicht fangen oder holen, was sich nur noch angstverstärkend auswirkt, sondern geht einfach ins Haus und in wenigen Minuten folgt der “Bockige” nach und alles ist wieder gut.

Wird das “Fremdeln” auffällig, gehe ich gezielt mit besonders verlockenden Reizen an dem Welpen vorbei und beschäftige ich mich ausgiebig “liebevoll” mit hoher Stimmfrequenz mit den anderen Zugänglichen. Es dauert keine Minute und der “Anfall” ist vorüber, der Fremdler kommt von selbst, weil die Neugier überwiegt und dieses Verhalten tritt nicht mehr auf.

7. Sachlichkeit

Wenn man genug Welpen aufgezogen hat, dann ist das alles auch irgendwie schon Routine und man reagiert auf bestimmtes Welpenverhalten “gelassen” und souverän. Oft ist das eigene Verhalten des Züchters oder Betreuers die Weichenstellung. Unaufgeregtheit ist wohl das Stichwort.

Welpen sind weder Spielsachen, noch Kuscheltiere, es sind ganz einfach junge Hunde, die nicht nach menschlichem Verständnis und Empfinden ticken. Sie müssen klar “verstehen” können, was der Betreuer von ihnen erwartet. Da sie nicht unsere Sprache lernen können, muss der Mensch seine kennen und sich auch deutlich so verhalten. Es reicht beispielsweise aus, sich zu den Welpen zu setzen ohne großes Palaver und großes Getue. Jeder Welpe ist so programmiert sich auch an den artfremden Menschen zu binden. Einfache, immer gleiche Rituale erleichtern das Verständnis sehr. Das erlernte und unerschütterte Vertrauen der Welpen zum Züchter ist die beste Basis für einen angstfreien Hund, der in großer Zuneigung an seinem späteren Besitzer hängt und ihn problemlos begleitet, ihm freudig folgt und sehr sehr schnell lernt.

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Bei der freien Aufzucht können die Welpen überall sein. Sie kommen und stupsen mich an, wenn sie Hunger haben. Dann warte ich noch eine ganze Weile und bereite ohne Worte die Mahlzeit zu. In der 9.Woche brauche ich gar nicht mehr zu rufen. Ich drehe mich nur um und alle verbliebenen Fünf sitzen aufmerksam in einem Kreis um mich herum und beobachten, was ich tue. Würde ich sie jetzt ansprechen, motiviere ich sie nur zum Hochspringen, also nehme ich den Napf und sage so was ähnliches wie “Freßchen” und gehe zügig zum Futterplatz. Da gibt es keine Kratzer an den Beinen und kein Gestolpere durch hochspringende Welpenfüßchen, weil die Welpen nur mäßig aufgeregt sind und gesittet nebenher laufen.

warmflasche Omnia hat am Hals der jungen Krita gelegen und ist genau wie hier beschrieben aufgewachsen

8. Streicheln und Schmusen

Normal ist es, das Welpen zum Mund des Menschen wollen, wenn sie ihn erreichen können. Küssen ist erlaubt, Beißen nicht. Bei der freien Aufzucht ist die individuelle Schmuseeinheit nicht in dem Maße erforderlich, wie bei einer normalen Aufzucht. Da sich das Vertrauen in den Wochen durch die ständige Anwesenheit gefestigt hat, benutze ich Streicheln und Schmusen als positive Verstärkung für ein erwünschtes Verhalten. Z.B. auf Zuruf Kommen, auf Kommando Pipi machen, brav Sitzen bleiben, Apportieren usw.
Auch hier gibt es individuelle Unterschiede. So kommt der eine gern von selbst und drückt sich an oder legt sich zu Füßen, während der andere einfach nur im Körbchen liegt und zufrieden ist, dass er uns sieht.

9. Leinenführigkeit, Ausflüge mit Freilauf

tour1Der Welpe sollte alles unaufgeregt lernen, bevor er das Haus verlässt. Leinenführigkeit ist bei den Welpen überhaupt kein Problem, auch Ausflüge in eine ruhige Umgebung mit Freilauf werden geübt, so dass auch das „normaler Alltag“ ist. Zusammen mit den erwachsenen Whippets bewältigen sie auch Neues schnell und gut, danach müssen Welpen immer Zeit zum Relaxen und Schlafen haben, um die Umwelteindrücke zu verarbeiten.

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Schlussbemerkung:

Eine “freie Aufzucht” von Welpen ist machbar, wenn man als Züchter nichts anderes zu tun hat. Auch dann erfordert es hohen Einsatz und eine dauernde Bereitschaft. Letztendlich ist es trotz großen Aufwands sehr entspannt und für die Welpen m.E. ein großer Vorteil in der Entwicklung und Adaption an den Menschen. Als Züchter habe ich mit Blick auf die Zukunft der Welpen in ihren neuen Familien alles getan und mit auf den Weg gegeben, damit die Integration reibungslos funktioniert und der neue Besitzer einen wesensstarken Hund in die Hand bekommt.

wannieslastday

Geschockt hat mich eine mail einer Leserin, die von einem Whippetwelpen ihrer Schwester berichtet, der so völlig anders ist, als sie es kennt : Zurückhaltend, eher ängstlich. Nach 5 Monaten zeigt das Hündchen wenig Bedürfnis nach Nähe zu verspüren. Wildes Toben, was ja klar ist scheint ihr das Nonplusultra zu sein. Natürlich kuschelt sie, wenn man sie zwingt. In die Hocke gehen und mit offenen Händen das Whippchen zu locken sei kontraproduktiv. Kein freudiges Annähern, außer mit Gutis, eher wird diese Geste mit zurückweichen oder manchmal als Signal: ah,ein andrer Hund will mit mir kämpfen, beantwortet.

Nein, solches Verhalten gab es bei meinen Welpen nicht und wird es auch nie geben! Ich möchte niemandem meiner Besitzer so etwas zumuten. Jeder Welpe sollte auf das Leben bestmöglich vorbereitet sein.

haushaltshilfen

Und genau deshalb steht Sozialisation ganz oben auf meiner Liste der Welpenaufzucht.

Fleißige Haushaltshelfer, wie im Foto, müssen sie nicht sein, aber Welpen, die so viel wie möglich kennen gelernt haben.

Alles, was Welpen im frühen Alter lernen, wird abgespeichert. Fehlende Erfahrungen in der Jugend wirken sich wie eine Hirnverletzung aus,

©Marianne Bunyan

3 Antworten auf “Experiment: Freie Welpenaufzucht”

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