jegliches Maß verloren

So oder so scheint es, dass bei Whippets inzwischen und überwiegend jegliches Maß, will sagen Standardideal, verloren gegangen ist. Wenn ich mir hier Shiphra x Moody’s Welpen anschaue und mit meinen alten und jüngeren Superfly’s vergleiche, dann fällt mir auf, dass sie bezüglich Größe und Proportionen im goldenen Mittel liegen. Aber nicht nur das. Es ist neben dem Maß auch die Masse, die sich im klassisch typischen Rahmen hält und das Gangwerk und der Charme und die Eleganz.

IMG_5054nur ein Schnappschuss von Wingi – soundness schon beim Welpen erkennen

Nichts geht so schnell, wie das Anpassen an den Allerweltswhippetgeschmack. Alles, was wir in unser Auge und damit in unseren Kopf hinein lassen, beeinflußt das Empfinden und natürlich die Wahrnehmung von dem was „schön“ ist. In einem Zuchtbuch habe ich einmal geschrieben, dass ein Whippet „delicate“ sein muss. Ok, delikat trifft es nicht ganz, obwohl wohlschmeckend für das Auge schon passen würde,  auserlesen, nicht grob sondern fein zubereitet, köstlich ohne Vorgeschmack. Was meine ich? Gut, dass Sie fragen 😉

Wie eine köstliche Speise

Eine Komposition von feinen Zutaten, die zusammen eine Wohltat vollkommener Ausgewogenheit bilden mit der Prise Salz als Würze und dem Sahneklecks zum Abrunden. Da schmeckt das exotische Gewürz nicht vor, da kaut man nicht auf Stengeln oder findet Gräten, die man schnell ausspeien muss, da kann man sich laben an der fein abgestimmten Köstlichkeit und alle Zutaten wirken perfekt zusammen.

Sag mir wo die Whippets sind?

Wo sind sie geblieben? Neulich lernte ich einen „Rescue“ Whippet kennen. Einen älteren eleganten Rüden, blaugestromt, fein, schick,  mit einem whippettypischen Kopf, fließenden Umrisslinien, guten Pfoten und Laufknochen, ideal in Größe und Gewicht und ein Seelchen, dass an seinem Besitzer mit den Augen hing, und seine Augen selbst „sprachen“ noch. Ich fürchte, mein Ideal eines Whippets, das sich über mehrere Jahrzehnte geformt hat, stirbt mehr und mehr aus.

OnlySuperfly’s One and Only (1994 , einfach perfekt im “ Style“ auch ohne jemals ausgestellt zu sein, Foto:Jörg Schier

Ich will keinen 16 kilo Rüden und auch keine 13 kilo Hündin. Ich will einen handlichen mittelgroßen ästhetisch feinen Whippet, der seine Pfoten setzt wie ein Whippet und nicht wie ein Trampeltier. Ich will keine Greyhoundkörper, keine Boxerpfoten, keine Taubenbrust, keine Lefzenbildung und keine trottenden Gangwerke, keine Kaltbluthintern und keine aufgesetzten Köpfe, die nicht zum Rest des Hundes passen, keine Standbilder, keine überwinkelte Hinterhand, die im nächsten Raum endet und keine langen Rücken, bei denen locker 5 cm in der Mitte fehlen könnten, sondern ausgewogene Gesamterscheinungen, die Whippets sind in jeder Pose, weil sie einfach Whippet sind.

Da spielt es gar keine Rolle, welche noch so schicken Hochglanzfotos von sogenannten Starfotografen von sogenannten Superwinnern mit ellenlangen Championtiteln mir präsentiert werden, wenn sie schöne Hunde zeigen, aber keine Whippets. Es erschreckt mich eher, welche Richter aus welchen Gründen diese oder jene Whippets so hoch katapultiert haben.

Aber schlimmer ist ja die Bewegung. Ich frage mich: Wie kann ein Topwinner bei den Whippets einfach nicht mehr wie ein Whippet gehen?  Und alles applaudiert dem Winner, weil der Pokal so einmalig groß und so selten zu erringen ist. Wenn „delicate“ nur noch auf Details bezogen wird und die Gesamtheit des Whippets dabei zweitrangig wird, dann wundert es nicht.

Einmal zur Erinnerung:

Gangwerkillustration Whippet Standard

Wer die Illustration jetzt ansieht und meint er sei im falschen Film…., dann kann ich das absolut nachempfinden. Denn das sieht man heute nicht mehr im Ring. Aber wer sich einmal die Illustrationen anschaut, dem muss doch etwas auffallen? Dass der Whippet „sound“ ist und nicht ellenlang an einigen betonten Stellen, wo eben genau diese Harmonie der Umrisslinien gestört wird. Wo wir alles bekommen an schönen großen Hunden, aber das Typische nur noch hineingedacht wird. Wo der Wunsch der Vater des Gedanken ist…

Screenshot_2019-04-09 FACENEWNEWNEW indd - WhippetIllustratedStandard_0 pdf

Standardillistration American Whippet Club

Man möge mir ja verzeihen, dass ich immer wieder bei diesem Thema bleibe, doch es ist die Grundlage für die Whippetzucht, der Rahmen an den sich Züchter und Zuchrichter halten und letztendlich auch Interessenten von Whippets. Solche, die einen eleganten 48er (cm) Rüden mit 12 kilo erwarten, der sich aber dann zu einem 56er Bomber mit 20kilo entwickelt.

Es ist m.E. schon dramatisch genug, dass immer wieder 53er Rüden auch bei der Zucht unter Berücksichtigung aller erwünschter Merkmale vorkommen, aber besser ist es, wenn sie sich wenigstens um die Höchstmarke einpendeln. Selbstredend gilt das für Hündinnen natürlich gleichermaßen; wobei hier das Idealmaß immer noch bei 45-47 cm liegt!! Und zwar die überwiegende Mehrheit und nicht umgekehrt. Aber das ist ganz allein meine persönliche Meinung, die aus der Entwicklung der Whippetzucht gewachsen ist.

purplestand_Superfly’s Royal Purple, meine „modernste Variante“

Wenn Ideale nicht mehr erreicht werden können oder aber nicht nachgefragt werden, dann ist es wirklich Zeit die Whippetzucht ad acta zu legen.

 

 

Whippet wippt eben

Ich weiss nicht, wer sich noch erinnern kann an das Gangwerk des Whippets? Ich meine jetzt nicht das, was wir im Showring sehen, sondern wenn wir Whippets unterwegs treffen. Es ist der im leichten Trab daher kommende Hund, der wie kein anderer gehen kann. Wenn seine Pfoten sich vom Boden abstemmen, dann kann man das vergleichen mit einem Pingpongball, der auf dem Boden auftippt vorwärst springt und wieder auftippt und vorwärts springt…

Die ganze Bewegung des Whippets im leichten Trott ist nicht platt oder statisch, es ist wie ping pong. Die geforderte Antriebskraft der Hinterhand zeigt sich eben in der sprungfederartigen aufwärts-vorwärts-Bewegung .

Der Whippet wippt eben. Unter wippen finden wir im Duden: sich federnd, ruckartig auf und ab bewegen…

Ergänzend zum Gangwerk des Whippets

Das gehört zu dem daisy cutting – Gangwerk dazu, denn jede Bewegung kommt aus der Hinterhand. Die Pfotenballen sind stark und gut gepolstert, der Schub entwickelt sich aus der passenden Winkelung der Gelenke und der Muskelkraft. Was hinten wie ein Propeller losgetreten wird, muss sich über den Rücken fortsetzten und von der Vorhand aufgefangen werden. Deshalb müssen alle Körperteile harmonisch zu einander passen. Wiederum erklärt sich deshalb, warum in der Zucht und im Richten alle Übertreibungen vermieden werden sollen.

139_EVA2484b-1024x683

Kenia (Koseilata’s African Queen), Whippethündin harmonisch im Bau und im Gangwerk in der Schwebephase erwischt, keine Pfote berührt den Boden ! Foto: Eva-Maria Krämer

Alles wird zuviel

Alles wird aus Gründen des Geschmacks übertrieben, es wird zu viel, zu schwer, zu lang. Was schön aussieht und gefällt entscheidet sich oft im Showring. Unter dem Eindruck des Richtens der Whippets an der Westminster Show 2019 musste ich feststellen als jemand, der die Zuchtentwicklung nun schon ein paar Jahrzehnte im Blick hat, dass es sich bei den Hunden dort im Ring überwiegend um die verkleinerte Ausgabe des Greyhounds handelt. Amerika ist nicht unser Vorbild für den FCI Standard, aber hier können wir lernen. Alles sieht schön, gepflegt, trainiert und für das Auge appetitlich angerichtet aus. Aber: Sind das Umrißlinien eines Whippets?
Der F.C.I.Standard hat ausdrücklich folgendes hervorgehoben:

Bildschirmfoto von 2019-02-15 12-03-53

KÖRPER : Obere Linie: Anmutiger Bogen im Bereich der Lendenpartie, aber nicht bucklig. Rücken : Breit, gut bemuskelt, kernig, eher lang (Wobei eher lang nicht ellenlang heißt, sondern sich ungefähr an der Standardillustration orientiert) siehe Abbildung.

Untere Profillinie und Bauch : Deutlich aufgezogen

Ich bin gespannt, was an der Cruft’s im Heimatland der Rasse dieses Jahr gezeigt wird.

pingpong

Ein Foto kann keine Vorstellung davon geben, wie ein Whippet wippt 😉

Wenn ein Whippet so gebaut ist, wie es eigentlich der Standard will und alle Übertreibungen so weit wie möglich vermieden werden, dann ergibt sich ein anderes Bild. Wir können zwar alle schon weit in der Ferne die Silhouette eines jeglichen Windhundes erkennen, aber an seiner Bewegung und dem typischen „Wippen“ erkennen wir sofort, dass es ein Whippet ist.

Schön, wenn das erhalten bliebe.

Nachruf Joachim Kiack (Almansor’s)

Ich sehe es als traurige Verpflichtung an, hier etwas über den mir vertrautesten Whippetkenner, Whippetzüchter und Whippetrichter zu schreiben.

joachim kiack_photo Joachim Kiack 11.2.1951 – 25.1.2019

Doch fangen wir vorn an. Als wir jung waren, lernten wir uns 1967 kennen. Joachim war 17 und ich 18. Über ein einhalb Jahre warb er um mich, beständig und beharrlich. Was einer seiner Charakterzüge geblieben ist bis zu seinem Lebensende. 1969 entwickelte sich eine Liebe, die auch bis zum Lebensende hielt. Unabhängig von all unseren menschlichen Schwächen, Fehlern und Entscheidungen riss das Band niemals wirklich ab. Und wir beide haben uns immer wieder an die unbeschwerte Zeit unserer Jugend und Ehe erinnert und wir beide haben unsere Fehler bereut und uns gewünscht, dass wir – wie wir es uns versprochen hatten – niemals auseinander gehen wollten. Faktisch ist das dann zwar passiert, aber in unseren Herzen blieben wir verbunden.

Die gemeinsame Liebe zu den Whippets

Wir kamen auf den Hund und 1974 auf den Whippet.  Und unsere dauerhafte Liebe zu den Whippets nahm ihren Lauf. Der Zwinger „Almansor’s“ wurde gegründet auf unser beider Namen und später von Joachim Kiack allein weiter geführt. Der erste Wurf Almansor fiel an  Ostersonntag 1976!

Die Erfolge seiner Almansor’s konnten mit der Importhündin Eng. Ch. Silkstone Finesse als Stammhündin seinen Typ von Whippet manifestieren und die erfolgreichen Nachkommen brachten ihm internationale Anerkennung als Züchter.

Seine Richterausbildung zum Spezialrichter der Rasse Whippet folgte und dann seine Einsätze als Zuchtrichter im Ausland und im Inland.

kiackJoachim Kiack beim Richten, Foto: Gilbert Simal

Manchmal begleitete ich ihn und immer stellte ich fest, dass er sich nicht von seiner Meinung über einen Hund beirren ließ. Er sah mit Kennerauge und bewertete, was er anhand des Standards beurteilte. Wir haben oft und viel diskutiert und seine Urteile waren fair und ehrlich. Er richtete, wie er es für richtig hielt und nahm keinerlei Rücksicht darauf, ob seine Urteile künftig weitere Einladungen zum Richten beeinflussen könnten. Da war er beharrlich und richtete nicht politisch. In Sachen Whippet fällte er seine Urteile unabhängig von Konsequenzen. Er wies sogar einen sehr bekannten Mitbewerber wegen des miserablen Zustands der Zähne des ausgestellten Whippets zurecht. Sozusagen urteilte er ohne Ansehen der Person. Das ist nicht Eigensinn, sondern eine selten gewordene Charakterstärke.

Joachim war Whippetmann und zwar ein ausgezeichneter und er legte keinen großen Wert darauf Gruppenrichter zu werden, nur damit er öfter eingeladen werden konnte, obwohl er so gern richtete. Er liebte Whippets und liebte es sehr, sie zu richten. Das war seine Priorität in den letzten Jahren, als er selbst nicht mehr ausstellte

almansor40-432.jpg2014 konnte Joachim sein 40 jähriges Zwingerjubiläum feiern. Almansor’s war eine kleine Zuchtstätte mit wenigen ausgesuchten Würfen und trotzdem herausragenden Erfolgen. Hier bestätigte sich Joachim’s Umsetzung seiner Idee am deutlichsten. Basierend auf englischen Importen und zentriert auf Silkstone und Oakbark blieb er dem klassischen Whippet treu.

Erfolgreiche Whippets bei und von Almansor’s

Silkstone Finesse

finesse.GB CH – UK/English Conformation Champion , C.I.B. – INTERNATIONAL BEAUTY CHAMPION, DE CH (VDH) – VDH Deutscher Champion,WCD Deutscher Schönheits-Champion

Oakbark Midnight Mint

midnightmint.

EU W 1998 – FCI European Winner 1998
NL CH – Dutch Conformation Champion
Int, German (WCD), German KC (VDH), Swedish & Dutch Ch; VDH European Winner 1998, Club Winner 1996
Almansor’s Ironman

ironman

C.I.B. – INTERNATIONAL BEAUTY CHAMPION
NL CH – Dutch Conformation Champion
DE CH (VDH) – VDH Deutscher Champion
SE CH – Swedish Conformation Champion
Int, German (WCD), Swedish & Dutch Ch, Clubwinner NWC 2004
Silkstone Secret Gold
secretgolg
DE CH (VDH) – VDH Deutscher Champion
DE CH (DWZRV) – DWZRV Deutscher Schönheits-Champion
Clubwinner NWC 2003, DWZRV Jahressieger 2004, Res. CC Crufts 2003
Almansor’s Intel Inside
intel
SE CH – Swedish Conformation Champion
Int, German (WCD), Swedish Ch, Jugendwinner Amsterdam 1997, Europa-Jugendsieger (VDH) 1998
 
Almansor’s Local Hero
hero
ESH 2006 – FCI Euro Sighthound 2006
SE CH – Swedish Conformation Champion
Int, German KC (VDH), German (DWZRV), Dutch & Swedish Ch; Jahressieger (DWZRV) 2005, Europasieger 2006, FCI Euro-Sighthound 2006, Winner Donaueschingen 2005/2006; LS Sachsen 2003, LS Berlin-Brandenburg 2003/2004

Andenken und Gedenken

Joachim Kiack war das, was man einen breeder-handler-judge nennen kann, also einen Spezialisten für Whippets aus Deutschland der alles praktizierte. Und davon gibt es nicht allzuviele mit so langjähriger Erfahrung.

achim1Joachim Kiack mit Almansor’s Petshop Boy, Foto: Detlef Hahn

Es war ihm ein großes Vergnügen und er war ja immer auch ein fröhlicher Mensch und hatte Freude am Leben und natürlich an seinen Hunden. Aber er nahm alles wie es kam. Und das mit sehr viel Langmut. Tapfer war er und bescheiden . Er war geduldig und trug nicht nach, er war versöhnlich und liebevoll, sensibel und warmherzig, vorurteilslos . Und deshalb waren auch Whippets genau seine Rasse.  Es gab viele Ähnlichkeiten ;-). Allerdings konnte Joachim noch nie so aus sich heraus und wurde oft falsch eingeschätzt.

Freunde fürs Leben
Wie oft haben wir gelacht, diskutiert, gestritten und wie oft war „Sendepause“ , aber immer, wenn es schwierige oder bewegende Ereignisse zu berichten gab, dann waren wir wieder die alten Freunde. So erging es seinen langjährigen Freunden. Achim drängte sich nicht auf. Es waren nur eine handvoll, aber diese kann man wahrhaftig als Freunde bezeichnen. All diesen sei herzlich gedankt.

Andreas und Petra Reschke (Eurostar’s) waren ein Segen  für Joachim besonders in den letzten Wochen und waren für ihn mit aller Liebe da . Joachim’s Hunde haben dort ihren endgültigen Platz gefunden, genauso wie Andreas, der ihn seit 40 Jahren kannte, es ihm versprochen hatte. Und nicht zu vergessen Sylvia Dreilich, die sich zuletzt intensiv Tag und Nacht gekümmert hat.

„Was soll ich ohne meine Hundchen machen“

sagte Joachim immer. Sie waren ein Trost und eine Freude bis zu letzt.

Joachim’s Wunsch war es, dass niemand etwas erfahren sollte von seiner kurzen schweren Krankheit. Er ist plötzlich aber friedlich entschlafen. Und wir werden sein Andenken und seinen Wunsch bewahren.

Und natürlich trauern wir um einen Menschen, um einen Freund und um einen echten Whippetliebhaber, der authentisch war und blieb. Achim eben!